Lexikon der Begriffe

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Abduzensparese
Lähmung des VI. Hirnnervs, durch die das Auge nicht mehr ausreichend nach außen bewegt werden kann; Folge sind häufig horizontale Doppelbilder.
Abmahnung
Außergerichtliche Aufforderung, ein rechtswidriges Verhalten, etwa einen Wettbewerbsverstoß, zu unterlassen, in der Regel verbunden mit dem Verlangen nach einer strafbewehrten Unterlassungserklärung.
Absence
Generalisierter epileptischer Anfall mit kurzer Bewusstseinspause von wenigen Sekunden, oft begleitet von Lidzucken. Er ist im EEG durch typische Spike-Wave-Muster nachweisbar.
Absetzsyndrom
Vorübergehende körperliche und psychische Beschwerden nach abruptem Absetzen oder starker Dosisreduktion eines Medikaments. Bei Antidepressiva ist es kein Zeichen einer Abhängigkeit.
Absichtslosigkeit
Erstes Stadium des Transtheoretischen Modells, in dem die Person keinen Änderungsbedarf sieht und keine Veränderung beabsichtigt.
Abwehrhierarchie
Ordnung der Abwehrmechanismen nach ihrem Reifegrad, von psychotischen und unreifen bis zu reifen Formen, die die Realitätswahrnehmung kaum verzerren.
ACE-Hemmer
Blutdrucksenkende Arzneimittel (z. B. Ramipril, Enalapril), die das Angiotensin-Converting-Enzym hemmen und so das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System beeinflussen.
Acetaldehyd
Giftiges Zwischenprodukt des Alkoholabbaus, das durch die Alkoholdehydrogenase entsteht und durch die Aldehyddehydrogenase zu Essigsäure weiter abgebaut wird.
Acetylcholin
Neurotransmitter, der unter anderem für Gedächtnis, Aufmerksamkeit und die Signalübertragung im parasympathischen Nervensystem wichtig ist.
Acetylcholinesterasehemmer
Antidementiva, die das Enzym Acetylcholinesterase hemmen und dadurch die Konzentration des Neurotransmitters Acetylcholin erhöhen.
Acetylcystein
Wirkstoff, der als Antidot bei Paracetamol-Vergiftung eingesetzt wird, indem er die Entgiftung des lebertoxischen Abbauprodukts unterstützt.
Adhärenz
Ausmaß, in dem ein Patient eine gemeinsam mit dem Behandler vereinbarte Therapie, z. B. eine Medikamenteneinnahme, tatsächlich umsetzt.
ADI-R
Diagnostisches Interview für Autismus, revidiert. Ein strukturiertes Elterninterview zur Erhebung der Entwicklungsgeschichte und autismustypischer Symptome.
ADOS
Diagnostische Beobachtungsskala für autistische Störungen. Ein standardisiertes Verfahren, das soziale Interaktion, Kommunikation und Spielverhalten in halbstrukturierten Situationen erfasst.
Affektarmut
Verminderung der Anzahl gezeigter Gefühle; der Patient wirkt gleichgültig, emotional unbeteiligt und wenig schwingungsfähig.
Affektinkontinenz
Mangelnde Kontrolle der Affekte: Bei geringem Anlass überschießen die Affekte und können vom Betroffenen nicht beherrscht werden.
Affektive Instabilität
Rasch wechselnde, oft heftige Stimmungsschwankungen von kurzer Dauer, die häufig durch äußere, insbesondere zwischenmenschliche Ereignisse ausgelöst werden; Kernmerkmal der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Affektlabilität
Rascher Wechsel der Stimmung, oft schon durch geringe Anlässe ausgelöst.
Affektregulation
Fähigkeit, Art, Intensität und Dauer eigener Gefühle wahrzunehmen und zu beeinflussen. Defizite der Affektregulation gelten als zentraler Faktor bei selbstverletzendem Verhalten.
Affektstarre
Verminderte affektive Modulationsfähigkeit: Der Betroffene verharrt in einer bestimmten Stimmung, unabhängig von der äußeren Situation.
Affektverflachung
Verminderung von Anzahl und Intensität gezeigter Gefühle. Die Betroffenen wirken gleichgültig und emotional unbeteiligt; sie gilt als typisches Negativsymptom.
Agoraphobie
Phobische Störung mit Angst vor Situationen wie Menschenmengen, öffentlichen Plätzen oder Reisen, aus denen eine Flucht schwierig erscheint, und daraus folgendem Vermeidungsverhalten.
Agranulozytose
Hochgradige Verminderung der neutrophilen Granulozyten im Blut (in der Regel unter 500/µl). Sie geht mit einer schweren Abwehrschwäche und Gefahr lebensbedrohlicher Infektionen einher.
Akathisie
Extrapyramidal-motorische Nebenwirkung, vor allem von Antipsychotika, mit quälender innerer Unruhe, Unfähigkeit zum Stillsitzen und ständigem Bewegungsdrang. Sie kann das Suizidrisiko erhöhen und erfordert eine ärztliche Medikationsprüfung.
Akinese
Bewegungsarmut mit verminderter Mimik und Gestik, z. B. als extrapyramidal-motorische Nebenwirkung von Antipsychotika.
Akrozyanose
Bläulich-livide Verfärbung der Körperenden wie Hände, Füße, Nase oder Ohren infolge einer gestörten peripheren Durchblutung.
Akustische Halluzination
Wahrnehmung von Geräuschen, Musik oder Stimmen ohne entsprechenden äußeren Reiz, die für real gehalten werden kann.
Akute Belastungsreaktion
Vorübergehende Störung als Reaktion auf eine außergewöhnliche körperliche oder seelische Belastung, die innerhalb von Minuten beginnt und meist innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt (ICD-10 F43.0).
Akute Dystonie
Frühdyskinesie mit plötzlich einsetzenden, anhaltenden Muskelkontraktionen, vor allem im Kopf-, Hals- und Schlundbereich. Sie tritt meist kurz nach Beginn oder Erhöhung einer Antipsychotikabehandlung auf.
Akute schizophreniforme psychotische Störung
Akute psychotische Störung (ICD-10 F23.2), bei der die Symptomkriterien einer Schizophrenie erfüllt sind, die jedoch weniger als einen Monat andauert.
Akutes Koronarsyndrom
Sammelbegriff für die akut lebensbedrohlichen Phasen der koronaren Herzkrankheit, insbesondere instabile Angina pectoris und Myokardinfarkt.
Akute vorübergehende psychotische Störung
Gruppe psychotischer Störungen (ICD-10 F23) mit akutem Beginn innerhalb von zwei Wochen, typischen polymorphen oder schizophrenieähnlichen Bildern und meist vollständiger Rückbildung innerhalb weniger Wochen bis Monate.
Alkoholentzugssyndrom
Symptomkomplex nach Reduktion oder Beendigung eines länger dauernden Alkoholkonsums, unter anderem mit Tremor, Schwitzen, Unruhe, Angst und Schlafstörungen; schwere Verläufe mit Krampfanfällen oder Delir möglich.
Alpha-2-Rezeptor
Adrenerger Rezeptor, der präsynaptisch als Bremse die Freisetzung von Noradrenalin und Serotonin hemmt. Seine Blockade steigert die Ausschüttung dieser Transmitter.
Alternativpsychose
Psychose, die im Wechsel mit dem Anfallsgeschehen auftritt, d. h. in Phasen der Anfallsfreiheit.
Altersregression
Hypnotische Technik, bei der die Person suggestiv in frühere Lebensabschnitte zurückgeführt wird, um damalige Erlebnisse wiederzuerleben.
Altgedächtnis
Gedächtnis für länger zurückliegende Erlebnisse und erworbenes Wissen, etwa biografische Daten.
Ambivalenz
Gleichzeitiges Bestehen widersprüchlicher Gefühle, Wünsche oder Intentionen, das häufig als quälend erlebt wird.
AMDP-System
Standardisiertes Verfahren zur Erhebung und Dokumentation des psychopathologischen Befundes. Es wurde von der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie entwickelt.
Amtsvormundschaft
Vormundschaft, die vom Jugendamt ausgeübt wird, wenn kein geeigneter ehrenamtlicher oder beruflicher Vormund bestellt ist.
Anamnese
Systematische Erhebung der Vorgeschichte einer Patientin oder eines Patienten, einschließlich aktueller Beschwerden, früherer Erkrankungen und biografischer Angaben.
Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
Mindestens zwei Jahre anhaltende, zuvor nicht bestehende Persönlichkeitsänderung nach einer Belastung katastrophalen Ausmaßes wie Folter oder Geiselhaft (ICD-10 F62.0).
Angemessenes Mittel
Einschränkende Voraussetzung des § 34 Satz 2 StGB; die Notstandshandlung muss nach Art und Umfang geeignet, erforderlich und rechtlich vertretbar sein, um die Gefahr abzuwenden.
Anhaltende Trauerstörung
In der ICD-11 eingeführte Diagnose (6B42) für eine intensive, über mindestens sechs Monate andauernde Trauerreaktion mit Sehnsucht nach dem Verstorbenen. Sie geht mit deutlicher Funktionsbeeinträchtigung einher und überschreitet kulturelle Normen.
Anhaltende wahnhafte Störung
Störung (ICD-10 F22) mit einem oder mehreren verwandten Wahninhalten, die mindestens drei Monate bestehen, ohne dass die Kriterien einer Schizophrenie erfüllt sind.
Anhedonie
Verlust der Fähigkeit, Freude oder Interesse an üblicherweise angenehmen Tätigkeiten zu empfinden. Sie ist ein Hauptsymptom der depressiven Episode.
Anlage I BtMG
Liste der nicht verkehrsfähigen Betäubungsmittel, z. B. LSD und Psilocybin, mit denen ohne Ausnahmeerlaubnis des BfArM weder gehandelt noch therapeutisch umgegangen werden darf.
Anlage zu § 12 HWG
Liste von Krankheiten, auf deren Erkennung oder Behandlung sich Publikumswerbung nicht beziehen darf. Dazu gehören unter anderem meldepflichtige Infektionskrankheiten, bösartige Neubildungen und Suchtkrankheiten mit Ausnahme der Nikotinabhängigkeit.
Anorexia nervosa
Essstörung (ICD-10 F50.0) mit absichtlich herbeigeführtem oder aufrechterhaltenem Gewichtsverlust, Körperschemastörung und endokrinen Störungen.
Anosognosie
Organisch bedingtes Nichterkennen der eigenen Erkrankung oder Funktionsstörung.
Anpassungsstörung
Zustand subjektiven Leidens und emotionaler Beeinträchtigung (ICD-10 F43.2) nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder einem belastenden Lebensereignis. Er beginnt meist innerhalb eines Monats nach dem Ereignis.
Antagonist
Substanz, die an einen Rezeptor bindet, ohne ihn zu aktivieren, und dadurch die Wirkung anderer Substanzen aufhebt.
Anterograde Amnesie
Unfähigkeit, ab einem bestimmten Zeitpunkt neue Gedächtnisinhalte zu speichern, sodass Erinnerungslücken für die nachfolgende Zeit entstehen.
Antiandrogene
Arzneimittel wie Cyproteronacetat, die die Wirkung männlicher Sexualhormone hemmen und das sexuelle Verlangen dämpfen. Sie sind verschreibungspflichtig.
Anticholinerges Syndrom
Vergiftungsbild durch Blockade muskarinischer Acetylcholinrezeptoren mit zentralen Symptomen wie Verwirrtheit und Halluzinationen sowie peripheren Zeichen wie trockener Haut, Mydriasis, Tachykardie und Harnverhalt.
Anticholinerge Wirkung
Hemmung der Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin an muskarinischen Rezeptoren. Sie führt unter anderem zu Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt, Sehstörungen und Tachykardie.
Anticholinergikum
Wirkstoff, der die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin an muskarinischen Rezeptoren hemmt. Typische Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Harnverhalt und Verwirrtheit.
Anticraving-Mittel
Medikamente, die das Verlangen nach einer Substanz vermindern und so zur Rückfallprophylaxe beitragen, bei Alkoholabhängigkeit vor allem Acamprosat und Naltrexon.
Antidementiva
Arzneimittel zur symptomatischen Behandlung von Demenzerkrankungen, vor allem Acetylcholinesterasehemmer und Memantin.
Antiretrovirale Therapie
Medikamentöse Kombinationsbehandlung der HIV-Infektion, die die Virusvermehrung unterdrückt. Sie senkt unter anderem das Risiko einer HIV-assoziierten Demenz.
Antragsdelikt
Straftat, die nur verfolgt wird, wenn der Verletzte oder ein anderer Berechtigter einen Strafantrag stellt.
Apathie
Ausgeprägter Mangel an Interesse, Antrieb und emotionaler Beteiligung, der ohne die für eine Depression typische gedrückte Stimmung auftreten kann.
Aphasie
Erworbene zentrale Sprachstörung, z. B. nach Schlaganfall, mit Beeinträchtigung von Sprachverständnis und/oder Sprachproduktion.
Apothekenpflicht
Gesetzliche Vorgabe nach § 43 AMG, dass bestimmte Arzneimittel berufs- oder gewerbsmäßig nur in Apotheken an Verbraucher abgegeben werden dürfen.
Approbation
Staatliche Zulassung zur uneingeschränkten Ausübung eines akademischen Heilberufs, etwa als Ärztin oder Psychotherapeutin. Sie berechtigt zum Führen der jeweils geschützten Berufsbezeichnung.
Apraxie
Unfähigkeit, zielgerichtete Bewegungen oder Handlungen auszuführen, obwohl Kraft, Beweglichkeit und Verständnis der Aufgabe erhalten sind.
Argyll-Robertson-Phänomen
Reflektorische Pupillenstarre mit fehlender Lichtreaktion bei erhaltener Naheinstellungsreaktion. Sie ist typisch für die Neurosyphilis.
Artifizielle Störung
Absichtliches Erzeugen oder Vortäuschen körperlicher oder psychischer Symptome ohne erkennbaren äußeren Vorteil. Vermutetes Ziel ist die Einnahme der Krankenrolle (ICD-10 F68.1).
Arzneimittelgesetz (AMG)
Bundesgesetz, das Herstellung, Zulassung, Abgabe und Überwachung von Arzneimitteln regelt, einschließlich Apotheken- und Verschreibungspflicht.
Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV)
Rechtsverordnung zum Arzneimittelgesetz, die in ihrer Anlage festlegt, welche Stoffe und Zubereitungen verschreibungspflichtig sind, und Form und Inhalt einer Verschreibung regelt.
Arztvorbehalt
Gesetzliche Regelung, nach der bestimmte heilkundliche Tätigkeiten ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind.
Asperger-Syndrom
Tiefgreifende Entwicklungsstörung mit qualitativer Beeinträchtigung der sozialen Interaktion sowie eingeschränkten, stereotypen Interessen, ohne wesentliche Sprach- oder Intelligenzentwicklungsverzögerung (ICD-10 F84.5).
Aspiration
Eindringen von Flüssigkeit, Nahrung oder Mageninhalt in die Atemwege, besonders gefährlich bei Bewusstseinsstörung.
Ataxie
Störung der Bewegungskoordination, etwa als unsicherer, breitbeiniger Gang oder als Rumpfinstabilität.
Atemdepression
Gefährliche Abschwächung des Atemantriebs mit verminderter Atemfrequenz und -tiefe, etwa durch zentral dämpfende Substanzen.
Atypischer Autismus
Tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich vom frühkindlichen Autismus durch einen Beginn nach dem dritten Lebensjahr oder durch nicht in allen Bereichen erfüllte Kriterien unterscheidet (ICD-10 F84.1).
Aufbewahrungsfrist
Gesetzlich festgelegter Zeitraum, in dem die Patientenakte aufzubewahren ist; nach § 630f Abs. 3 BGB zehn Jahre nach Abschluss der Behandlung.
Auffassungsstörung
Beeinträchtigung der Fähigkeit, Wahrnehmungen oder Gesagtes in ihrer Bedeutung zu erfassen, miteinander zu verbinden und einzuordnen.
Aura
Subjektiv bewusst erlebte Anfangsphase eines fokalen epileptischen Anfalls bei erhaltenem Bewusstsein, z. B. mit Geruchs-, Magen- oder Déjà-vu-Empfindungen.
Auskunftsanspruch nach § 1686 BGB
Recht eines Elternteils, bei berechtigtem Interesse vom anderen Elternteil Auskunft über die persönlichen Verhältnisse des Kindes zu verlangen, soweit dies dem Kindeswohl nicht widerspricht.
Ausschleichen
Schrittweise Verringerung der Dosis eines Medikaments über einen längeren Zeitraum, um Entzugs- und Rebound-Symptome zu vermeiden.
Autismus (nach Bleuler)
Rückzug in die eigene Innenwelt mit Verlust des Kontakts zur Realität und zu anderen Menschen. Bleuler verstand ihn als Grundsymptom der Schizophrenie.
Autoinduktion
Ein Arzneimittel beschleunigt durch Enzyminduktion seinen eigenen Abbau, typisch bei Carbamazepin.
Automatismen
Unwillkürliche, mehr oder weniger koordinierte Bewegungen wie Schmatzen, Kauen oder Nesteln während eines Anfalls mit Bewusstseinsstörung.
AV-Block
Verzögerung oder Unterbrechung der Erregungsleitung vom Herzvorhof auf die Herzkammern. Höhergradige Formen können zu bedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen.
Aversivmittel
Medikament, das bei Konsum einer Substanz unangenehme Körperreaktionen auslöst und dadurch vom Konsum abschrecken soll, zum Beispiel Disulfiram bei Alkoholabhängigkeit.
Awareness (Gewahrsein)
Gestalttherapeutischer Begriff für die bewusste, unmittelbare Wahrnehmung des eigenen Erlebens, Fühlens und Handelns im gegenwärtigen Moment.
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